Geschichte der Corvette

Teil 2
1963-1967
Der Sting Ray
Ende der 50er-Jahre wollten die Corvette-Verantwortlichen nach den "Sternen" des Rennsports greifen. Die Vorbereitungen für einen Einsatz beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans, dem bekanntesten Autorennen der Welt, waren im vollen Gange. Stirling Moss und Juan-Manuel Fangio, die Schumacher und Hills der damaligen Zeit, bescheinigten dem Prototypen der Corvette SS nach Probefahrten die Fähigkeit, Jaguar, Ferrari und Maserati Paroli bieten zu können.

Doch genau in dieser Phase untersagte die AMA (Vereinigung Amerikanischer Autohersteller) den werksseitigen Motorsport und verbot die Werbung mit Rennsport-Erfolgen. Nicht immer mehr Hubraum und noch mehr PS, sondern Komfort, Sicherheit und Zuverlässigkeit sollten die Konsumenten zum Kauf eines Fahrzeugs bewegen.
Daraufhin mussten die
Ingenieure der Corvette ihre Arbeit an der Corvette SS einstellen. Nur bei einer
Demonstrationsfahrt 1959 auf dem neuen Daytona International Speedway konnte die
Corvette ihr Können mit einem Durchschnitt von 249 km/h zeigen. Auf der
GM-eigenen Teststrecke in Phoenix, Arizona, erreichte die Corvette SS sogar
einen Durchschnitt von 294 km/h. Sie hätte das Zeug für internationale
Rennerfolge gehabt.
Aber die Entwicklung war nicht ganz umsonst. Bill Mitchell ließ den Wagen auf
eigene Kosten fertigstellen und taufte ihn auf den Namen Sting Ray Special. Dick
Thompson (ein Privat-Fahrer, der eigentlich als Zahnarzt sein Geld verdiente)
gewann mit ihm zwar kein einziges Rennen, jedoch 1959 und 1960 die
SCCA-Meisterschaft. Plötzlich wurde Chevrolet wieder aufmerksam und gab Mitchell
den Auftrag, diesen Wagen straßentauglich zu machen. Der Sting Ray war geboren.

Nur 10 Jahre nach der ersten Corvette brachte Chevrolet einen Wagen auf den Markt, der noch heute zu den schönsten Sportwagen aller Zeiten zählt. Und es wurde erstmals neben dem Cabrio auch eine Coupé-Version angeboten. Besondere Merkmale des Sting Ray waren eine scharfe Kante, die in Radhöhe rings um den Wagen führte, versenkbare Scheinwerfer, die sich nahtlos in die Karosserie fügten und die Tropfenform des Hecks. Allein die geteilte Heckscheibe fand nicht die allgemeine Zustimmung, konnte jedoch den Gesamteindruck des Sting Ray nicht schmälern. Beim 64er Sting Ray wurde dieser "Schönheitsfehler" - wie man damals meinte - entfernt. Heute ist der 63er Sting Ray ein beliebtes Sammlerstück.
Aber nicht nur
äußerlich war die Corvette des Jahres 1963 kaum noch wiederzuerkennen. Auch
unter der Karosserie hatte sich viel verändert. Die Bodenfreiheit wurde
verringert, Motor und Getriebe tiefer angeordnet, der Kastenrahmen durch einen
Leiterrahmen mit zwei seitlichen Längsholmen und fünf Querverstrebungen
ersetzt, der Radstand um 101 mm verkürzt, die Spurbreite verringert, die
Gewichtsverteilung von 53/47 auf 48 Prozent vorne und 52 Prozent hinten
optimiert und die Starrachse wurde durch Einzelradaufhängung ersetzt.
Der Sting Ray war nicht nur schön sondern auch schnell. Der Motor leistete zwar
immer noch 360 PS, aber die im Windkanal verbesserte Karosserie, ein auf 477 Nm
erhöhtes Drehmoment und die bessere Gewichtsverteilung sorgten für eine höhere
Beschleunigung (5,6 sec 0-100 km/h) und eine höhere Endgeschwindigkeit (243
km/h); auch heute noch respektable Werte.

Doch die Erfolge auf
den Rennstrecken endeten abrupt, als der AC Cobra auf den Markt kam. Es war ein
kompromissloser Sportwagen mit einem 260 PS 4,3-Liter-V8 von Ford und 500 kg
weniger Gewicht, der aber nur in einer Kleinserie hergestellt wurde. Speziell
für Rennzwecke entworfen, konnte er den Siegeszug des Sting Ray auf der Straße
nicht stoppen.
Als der Motor des AC Cobra in den nächsten Jahren modifiziert wurde, entwickelte
sich ein PS-Wettrüsten zwischen GM und Ford, das am Ende die Corvette mit einem
7-Liter-V8-Motor, dem legendären Bigblock L-88 mit 560 PS für sich entscheiden
konnte. Mit diesem Motor erreichte der Sting Ray die 100 km/h nach 4,8 sec und
die 160 km/h nach 11,2 sec und war damit schneller als ein Ferrari Testarossa
oder ein Porsche 911 turbo. Von diesem "Motor-Ungetüm" wurden jedoch lediglich
20 Stück gebaut. Der stärkste Motor in der Serienfertigung leistete 435 PS.

In den 5 Jahren, in
denen der Sting Ray gebaut wurde, fanden die meisten der großen Veränderungen
unter der Haube statt. Denn abgesehen von der geteilten Heckscheibe, die 1964
ausgetauscht wurde, erhielten die einzelnen Jahrgänge nur geringe kosmetische
Veränderungen. Es bestand auch keine Notwendigkeit für tiefgreifende Maßnahmen,
denn die Corvette- Verkaufszahlen waren mit Erscheinen des Sting Ray 1963 um 50
% gestiegen. So waren es in erster Linie "falsche" Teile wie
Entlüftungsschlitze, die aus Kostengründen anfangs nur Attrappen waren und jetzt
mit Funktionen ausgestattet wurden. Die Motorhaube wurde etwas mehr gerundet,
die Geräuschdämmung wurde verbessert, der Tankdeckel verändert und
Scheibenbremsen gehörten jetzt zur Ausstattung. Im Innenraum gab es jetzt einen
Ventilator und eine verbesserte Heizung.
Heute sind sich die meisten Corvette-Freunde sicher, das die kürzeste aller
Corvette-Serien wohl auch die beste war.
| Die Absatzzahlen des Sting Ray | |||||
|---|---|---|---|---|---|
| Coupé | Cabriolet | ||||
| Jahr | Stück | Preis in $ | Stück | Preis in $ | Gesamt-Stück |
| 1963 | 10.594 | 4.252 | 10.919 | 4.037 | 21.513 |
| 1964 | 8.304 | 4.252 | 13.925 | 4.037 | 22.229 |
| 1965 | 8.186 | 4.321 | 15.376 | 4.106 | 23.562 |
| 1966 | 9.958 | 4.295 | 17.762 | 4.084 | 27.720 |
| 1967 | 8.504 | 4.353 | 14.436 | 4.141 | 22.940 |